Der Fortspinnungstypus

Die Musik der Zeit Johann Sebastian Bachs und Antonio Vivaldis ist geprägt von zwei grundlegenden Formprinzipien: dem Liedtypus einerseits, mit Vordersatz und Nachsatz und dem Fortspinnungstypus andererseits, der sich aus Vordersatz – Fortspinnung und Epilog zusammensetzt.

Die „Fortspinnung“ ist das zentrale Element des gleichnamigen Formentyps.

Sie ist, laut Riemanns Musiklexikon, „das Verfahren der melodischen Ableitung aus nur einem Bewegungsimpuls. Ein bevorzugtes Mittel ist die Sequenz.“

Ein charakteristisches Moment des Soggettos, des Stückanfangs, wird in gleicher (wortwörtlicher, notengetreuer) oder ähnlicher (leicht veränderter) Weise fortgesponnen, d.h. in mehrfacher Wiederholung und häufig modellhafter Harmoniefolge fortgeführt.

„Das Motorische und Lineare treffen sich in dem Formprinzip der barocken Fortspinnung: der – eher lockeren, forttreibenden – Anknüpfung von Motiven und Teilen. „ C. Kühn, Formenlehre S42

Bach. Inventio I

auftaktige Sechzehntelfigur – drei Tonschritte bis zur Quart, dann in „gebrochenen“ Terzen die ausgleichende Rückbewegung zum Sprung auf die Quinte g zur Oktave im Quartsprung aufwärts; in vier Achteln hin zur Quinte d der Dominante G-Dur und die Wiederholung des auftaktigen Soggettos, des Eingangsmotivs, in der Dominante.

Die Stimme der linken Hand imitierend, eigentlich wiederholt sie die das Soggetto ,setzt kommentierend auf der dritten Zählzeit ein.

Soweit der Vordersatz, der in seiner wellenartigen Aufwärtsführung das klanglich-harmonische Energiepotential für die nun lange, allmähliche Abwärtsfolge schafft.

Mit dem drittem Takt beginnt die Fortspinnung – der Bewegungsimpuls des Soggettos wird aufgegriffen – hier in der Umkehrung der Sechzehntelfigur

(die Aufwärtsbewegung des Soggettos nun gespiegelt abwärts)

in viermaliger Sequenz – melodisch jeweils eine Terz absteigend, wird durch die plötzliche Hochalteration der vierten Tonstufe (f zu fis) nach dem C-Dur des dritten Takts, ein Dominantseptakkord über d errichtet. Sein Andauern über anderthalb Takte lässt die Tonika c vergessen und führt auf der Drei des 5.Takts – womit auch der Epilog beginnt – zu G als neuer Tonika, die durch eine erweiterte Kadenz bis zur Eins des 7.Taktes bekräftigt wird.

nach letztmaliger, fünfter Soggetto-Umkehrung folgt eine aufsteigende Reihe „gebrochener Terzen“ , das zweite Element des Soggettos, hin zur Abschlusskadenz T,S,D,T.

Es lassen sich (mindestens) drei Elemente des Soggettos beobachten:

a) in Tonschritten ausgefüllte Quarte

b) abwärts laufende Rückführung derselben Quarte in gebrochenen Terzen

c) überleitende Achtelfigur, die als Element der linken Hand-Stimme in der Fortspinnung sequenzierend aufgegriffen wird.

Formal lassen sich folgende drei Abschnitte bestimmen:

Bach. Inventio IV

Das Soggetto: eine Tonleiter in Sechzehnteln aufwärts, von der ersten zur sechsten Stufe – diese geradlinige, ununterbrochene Aufwärtsbewegung durch das, in Moll-Kompositionen Bachs häufig anzutreffende, Intervall einer verminderten Septime, abwärts und wieder aufwärst gesprungen; erneut dann von der sechsten Stufe b , eine Tonleiterbewegung abwärts, im zweiten Takt.

Im dritten Takt, hier setzt die Stimme der linken Hand im Kanon, eine Oktave tiefer das Soggetto wiederholend, ein, in der Oberstimme das harmonische Gerüst der ersten beiden Takte nachzeichnend, der Sextakkord f-a-d und der veminderte Dreiklang cis-e-g in der Umkehrung als Quartsextakkord (2.Dreiklangsumkehrung) in Achtelsprüngen.

T 5-6 bringt, als Beginn der Fortspinnung, das Soggetto eine Oktave höher nocheinmal, während in der linken Hand der „Kanon“ zu Ende gespielt wird. (Dies beiden Takte können aber auch als Wiederholung, mit Stimmentausch, gehört werden.)

Beide Hände setzen den jeweiligen Bewegungsmodus unmittelbar fort. In der rechten Hand wird das Soggetto unverändert , in abwärts schreitender Folge des jeweiligen Anfangston, sequenzierend wiederholt; die linke Hand zeichnet die Akkordfolge des Quintfalls in Achteln nach.

T.11, hier setzen wir den Epilog an, findet noch einmal ein „Stimmentausch“ statt. Die linke Hand übernimmt das Soggetto in weiterer Quintfallsequenz bis zur abschließenden Kadenz T. 17-18, die die Modulation nach F bekräftigt, also einen neuen Grundton etabliert.

In der rechten Hand findet eine Auflösung der Bewegung, in der Wiederholfigur von drei Sechzehnteln, als Tonleiterrest gewissermaßen, statt.

T 14-15 entsteht sogar noch eine Tanzsatz-typische Hemiole, deutlich durch das synkopierte B .

T. 16, beide Stimmen laufen vereint in paralleler Dezimenfolge, und nochmaliger Hemiole, mit Kadenz T(F),S, D, T.

Die Fortspinnung ist hier im Soggetto bereits angelegt, wie auch die jeweils taktweise wechselnde Harmonie. Der Wechsel Tonika-Dominante, T.1-2; bereitet selbst den Quintfall der Fortspinnung vor.

Bach. Violinkonzert E-Dur

Stolz, majestätisch und mächtig beginnt das E-Dur-Violinkonzert von Bach. Drei Akkorde , auch in der Melodieführung als Dreiklang aufwärts.

Der Bass in Oktavsprüngen statuarisch, auf der Stelle hin und her tretend. – Aus der oberen Terz des errichteten E-Dur-Dreiklangs, entspringt, in dem freudigen Bewegungsmuster zweier auftaktiger Sechzehntelschritte, die ausgefüllte Terz als Bewegungsinitial, die nach kurzem Sprung, wie nebenbei, zur oberen Tonika-Oktave, nur noch Eines will: laufen.

Bach E-Dur Violinkonzert, Anfang
Bach E-Dur Violinkonzert, Anfang

Laufen auf festgehaltenem Ton – als Repetition (T.4), sekundiert von aufwärts stürmenden Sechzehntelläufen im Bass; kurzes „Atemholen“ in gebrochenen Septakkorden, ab- und aufwärts in sequenzierender Wiederholung (T.4-6) – um sich, wie selbstvergessen, in Sechzehntelgruppen (einander identisch und in der Struktur 3+1), unter Mitnahme des Spitzentons dieses Satzteiles, cis2 ’’, bis hinab zum “h“, als tiefstmöglichem Dominant-Grundton und damit über mehr als zwei Oktaven, in einem wahren Rausch hinabzuwerfen.

Das Auftreffen auf dem Zielton ruft ein Sechzehntel-Echo im Bass hervor, der zuvor in fast tänzerischen Synkopen (Achtel und Viertel) dem harmonischen Feld Kontur gab und bremsend den instabilen Quintsextakkord in T.8 etablieren will- instabil, weil der auf dem Terzbass steht. Den Schwung der Solostimme eben fortsetzend, muss er zum Grundton fallen. (T.8).

Der Epilog(T.9-11) bestätigt nur noch die Grundtonart und endet wie selbstverständlich mit einem „vollkommenen Ganzschluss“ – Tonikadreiklang in der Oktavlage.

Bach. Arie „Bereite dich, Zion“

Als abschließendes Beispiel der Beginn der Arie “Bereite dich, Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium von J.S.Bach.

Hier lässt sich die Entstehung eines Soggettosanhand eines vertonten Wortes/Textes beobachten.

Bach, Arie WO "Bereite dich, Zion"
Bach, Arie WO “Bereite dich, Zion”

Hier gestalten sich die ersten acht Takte wie ein Vorgreifen auf die spätere Form des klassischen Themas, mit Vordersatz und Nachsatz.

Der Vordersatz, mit der Tonika beginnend, führt in T.4 zur Tonikaparalle C-Dur. Er ist damit von öffnendem Charakter. Der anschließende Nachsatz (T.5-8) moduliert zur Dominante E-Dur und weist dabei noch nicht den schließenden Charakter des späteren, klassischen Nachsatzes auf. Er bleibt ebenso offen – nun für die anschließende Fortspinnung.

Bach, "Bereite dich, Zion" Beginn Gesang
Bach, “Bereite dich, Zion” Beginn Gesang

Die Melodie zeichnet den sprachmelodischen Verlauf der Textdichtung nach: Bereite dich, Zion. Auftaktigkeit der Anfangssilbe “Be-„ , klanglich tiefer gestellt, da sie mit weniger Stimmdruck gesprochen wird (von der Unterquart beginnend, die gegenüber dem Grundton des Tonikadreiklangs der leichtere Ton ist). “-rei-„ ist betont und damit grundtönig. Die ebenfalls leichtere Terz, nach oben hin offen für das “-te“ ; „dich“ senkt sich, zum nächsten Wort hinführend. “Zion“, das Wort mit starker Betonung, die aber im Sprachfluss sich gleichmäßig, nicht sprunghaft anfügt; die Bedeutungsschwere des Wortes erfährt durch das starke Intervall einer abwärts fallenden, verminderten Quarte, (c-gis), ihren besonderen Ausdruck.

Das anschließende “mit zärtlichen Trieben“ (T.3-4) ist in der wunderbar streichelnden Geste, von ruhigen, abwärts fließenden Sechzehnteln eingefangen.

Aus der Textempfindung entsteht in der musikalischen Übersetzung das Soggetto. Technisch gesprochen haben wir einen aufwärtsgeführten melodischen , sukzessiven Quartsextakkord der leittönig (h-c, gis-a) umspielt wird (a).

In T.3, verändert sich die intervallische Sprungbewegung zu einer schnelleren, linearen Bewegung , die mit anschließendem Aufwärtssprung ausgeglichen wird.

Ebenso formal in die Zukunft weisend ist die Übernahme von Elementen des Vordersatzes im Nachsatz. Die Tonleiterbewegungen, die streichelnde, zärtilch liebkosende Geste findet sich im Anfang des Nachsatzes (T.5) und wird imitierend in der Bassstimme fortgesetzt (T.6), wie auch zum Beginn des Vordersatzes, die Basslinie das Soggetto der Melodiestimme, um einen Takt versetzt, imitierend aufgreift.

(Wie Sprechende und Hörende, einer sagt es, der andere nimmt es in sich auf.)

Klar ist der Beginn Fortspinnungsabschnitts (T.9) zu hören,

Das akkordische Grundmuster des Soggetto wird frei, in gleichförmiger Sechzehntelbewegung, fortgesponnen – Bewegung in innerer Ruhe, unterstützt durch die flächige, nur immer taktweise sich ändernde harmonische Struktur.

Zwischen Metrum und harmonischen Wechseln gibt es keine Abweichung, keinen Konflikt.

Lediglich der Epilogverlässt die harmonische Flächigkeit durch rasche, achtelweise harmonische Veränderung , um zum Eintritt der Gesangsstimme vorzubereiten.

Zusammenfassung

Der Fortspinnungstypus, als syntaktisches Grundmuster der Musik des Barock, setzt sich aus den drei Teilen, Vordersatz, Fortspinnung und Epilog zusammen. (Dies ist das Prinzip in seiner Grundstruktur

Der Vordersatz beginnt mit dem Soggetto. Das Soggetto ist einprägsam , zumeist kurz und prägnant.

Entscheidend ist hier, dass eine eigentliche Verarbeitung, eine thematische Variierung des motivischen Ausgangsmaterials, anders, als in der späteren Klassik, noch nicht stattfindet. Es wird eine Bewegungsfigur des Vordersatzes aufgegriffen und frei fortgesponnen.

Das Komponieren ist auch etwas sehr Handwerkliches. Ein guter Einfall des Beginns ist entscheidend, er muss nur klar und einprägsam sein.

Die Einheitlichkeit des Affektes, der emotionalen Grundstimmung innerhalb eines Satzes oder Stücks, ist typisch für die Musik der Zeit Vivaldis und Bachs. Das Aufgreifen eines Impulses aus dem Vordersatz, um die anschließende Fortspinnung zu gestalten, steht für diese Einheitlichkeit. Kontrast und Entwicklung werden in späterer Zeit bestimmend.

Es ist wie das Festhalten des Augenblicks: ist er schön, so verweilt er noch.

Schreibe einen Kommentar